Hannanias und Saphira – ein Gastkommentar

Vor einiger Zeit habe ich auf meinem Podcast dazu eingeladen, Beiträge zu liefern für die Auslegung dieser schwierigen Bibelstelle über Hannanias und Saphira in der Apostelgeschichte.
Die entsprechenden Podcasts findet man hier und hier.

Hier nochmals die Bibelstelle dazu:
Apg.5,1-11

Ein Betrugsversuch innerhalb der Gemeinde: Hananias und Saphira belügen Gott

Auch ein Mann namens Hananias und seine Frau Saphira verkauften ein Stück Land, und Hananias stellte ´der Gemeinde` einen Teil des Erlöses zur Verfügung. Aber mit dem Einverständnis seiner Frau gab er diesen Betrag als Gesamterlös aus, während er in Wirklichkeit einen Teil für sich behielt. Als er das Geld vor den Aposteln niederlegte, sagte Petrus zu ihm: »Hananias, warum hast du dein Herz dem Satan geöffnet und dich von ihm dazu verführen lassen, den Heiligen Geist zu belügen? Warum hast du uns verheimlicht, dass du einen Teil vom Erlös deines Grundstücks für dich behalten hast? Niemand hat dich gezwungen, das Land zu verkaufen; es war ja dein Eigentum! Und nach dem Verkauf stand es dir frei, mit dem Erlös zu machen, was du wolltest. Was hat dich nur dazu gebracht, so zu handeln? Du hast nicht Menschen belogen, sondern Gott!« Als Hananias diese Worte hörte, brach er tot zusammen. Es war ein Ende, das bei allen, die davon erfuhren, tiefes Erschrecken auslöste. Einige junge Männer ´unter den Versammelten` traten zu dem Leichnam, wickelten ihn in ein Tuch und trugen ihn hinaus, um ihn zu begraben. Nachdem etwa drei Stunden vergangen waren, kam die Frau von Hananias. Sie wusste nichts von dem, was geschehen war. »Sag mir«, fragte Petrus sie, »ist das der volle Betrag, den ihr für euer Grundstück bekommen habt?« – »Ja«, erwiderte Saphira, »das ist der volle Betrag.« Da sagte Petrus zu ihr: »Warum seid ihr beiden übereingekommen, den Geist des Herrn herauszufordern? Hörst du die Schritte vor der Tür? Die Leute, die deinen Mann begraben haben, ´kommen gerade zurück`. Sie werden auch dich hinaustragen.« 10 Im selben Augenblick sank Saphira zu Boden und starb, und als die Männer hereinkamen, sahen sie ihren Leichnam zu Petrus’ Füßen liegen. Da trugen sie sie ebenfalls hinaus und begruben sie an der Seite ihres Mannes. 11 Eine tiefe Ehrfurcht vor Gott ergriff die ganze Gemeinde, und genauso erging es allen, die von diesem Vorfall erfuhren. (NGÜ)

Britta hat mir nun eine längere E-Mail geschrieben mit ihren Gedanken zu diesen Text, die ich hier mit ihrer Erlaubnis einfach einmal Abdrucke, weil ich ihre Gedanken interessant fand und mich so manches inspiriert hat:

Hallo lieber Martin,
danke für die Einladung zum „Mitmischen“ : ) Ich wollte mich schon auf deine erste Aufforderung hin melden, hab dann aber auch erst die Ferien genossen und es dann vergessen…
Der Text ist mir so wie dir ganz neu nah, unter die Haut und auch lange nachgegangen!
Danke für die Herausforderung!
Mir ging es früher ähnlich, dass mich die Geschichte erstaunlich kalt gelassen hat – zumindest oberflächlich… unter der Oberfläche brodelten sicherlich viele Fragen, die ich mir aber damals nicht erlaubt habe zu stellen, aus Angst, damit auf „die falsche Seite“ zu rutschen – also quasi die unbewusste bzw. mehr oder weniger bewusste „Heuchelei“ eines ängstlichen Teenagers, der sich verzweifelt bemüht, es richtig zu machen, um in den Himmel zu kommen…
Gott sei Dank hatte ich damals noch keinen Acker 😅
Danke für dein Erschrecken und dein Ringen und dass du dir den “charmanten Gedanken”, dass wir es letztlich nicht im Griff haben, brauchen, müssen, sollen,… zu Herzen nimmst.
Der hat mich auch getroffen, denn ich ringe letztlich auch immer wieder um Sicherheit, wenn ich das Reich Gottes betrachte und nach seinem tieferen Sinn, einer immergültigen Antwort und dem “richtigen” Glauben suche. Das ist wohl einfach sehr menschlich, auch wenn mir inzwischen auch das große Geheimnis und das Nichtwissen immer kostbarer wird.
Beim Kauen der Geschichte sind mir zunächst zwei Dinge wichtig geworden:
Zum einen die Freiheit, die Petrus betont!
Es geht und ging nicht darum, dass alle dasselbe tun und geben mussten, nur weil “die anderen” in ihrem (anfänglichen?) überschwänglichen, Geist-erfüllten “Glaubensrausch” solche bewundernswerten Taten der Hingabe vollbracht haben.
Es ist ein nachträgliches und sicher für alle sehr wichtiges “Du musst das nicht! Niemand verlangt das von dir! Was dein ist, ist dein und du darfst davon geben, soviel du willst und kannst!”
Es erinnert mich total an Gottes Aufruf an sein Volk in der Wüste, von ihren Schätzen aus Ägypten für den Bau der Stiftshütte zu geben – jeder, was er/sie will – F R E I W I L L I G ! ! ! – Und dann heißt es, dass mehr als genug zusammen kam!
Und Paulus’ “einen fröhlichen Geber hat Gott lieb” klingt da natürlich auch mit, wobei auch bei ihm die Freiwilligkeit vornean steht.
D.h. ich muss mein Zähneknirschen nicht in ein fröhliches Lächeln verpacken, sondern darf einfach ehrlich sein, wie es um mich steht, was ich will und was nicht, was ich schon kann und was noch nicht.
Das erfordert allerdings eine ganz schöne innere Reife, finde ich!!
Es fällt mir spoantan immer noch sehr schwer zu sagen, was ich wirklich will…
Es geht Petrus – und Gott – auf keinen Fall um eine Massen-Dynamik, geschweige denn um Manipulation, in der alle dasselbe tun müssen, um dazu zu gehören.
Wie tröstlich!!
Das zweite, was mich – auf den zweiten oder dritten Blick – berührt und getröstet hat, war/ist das Entsetzen der Umstehenden!
Es gibt hier keine eiskalte Verurteilung!
Kein “war ja klar” oder “das haben sie verdient”: kein „Im Namen Gottes/Jesu hinweg mit euch“!
Barmherzigkeit (im Sinne von Mitfühlen Können) ist eine Geistesfrucht, die denk ich lange wachsen und reifen muss…
Solange wir nicht mitfühlen können – aus welchem Grund auch immer – haben wir kaum Erbarmen mit den Armen und folglich auch nicht mit dem Armen, Kleinen und Hilflosen in uns selbst.
Es gab in der jungen Gemeinde Menschen, die so vom Erbarmen gepackt wurden (und vielleicht ja auch dachten, dass Geld eh bald keine Rolle mehr spielen würde, weil sie glaubten, dass Jesus demnächst wiederkommen würde), dass es ihnen nicht schwer fiel, sich von ihrem Besitz zu lösen, um ihn mit den (ärmeren) Geschwistern zu teilen.
Interessant wäre zu erfahren, ob nicht einige später genau solche H&S-Gedanken gehegt haben, als die Hungersnot in Jerusalem begann (wohl ein sehr menschliches „hätte ich doch einen Teil behalten“, „hätte ich nur meinen Acker noch…“).
Spannend ist ja die Dreiteilung (oder sogar Vier-?) dieser gesamten „Hingabe-Erzählung“, die ja schon im Kapitel 4 beginnt. Das neue Kapitel versteckt diesen Zusammenhang eher ein bisschen, finde ich.
Zuerst geht es um allgemeine Gläubige, die ihren Besitz verkaufen und hingeben. (Das ist allerdings auch schon eine Wiederholung des Berichts aus Apg 2,42 ff!)
Als zweites wird über die Hingabe einer Einzelperson berichtet: Joseph, ein Levit!
Sehr inhaltsstarker Name bzw Stammeszugehörigkeit! Joseph hat das Minivolk Jakobs (70 Männer) nach Ägypten geführt und Mose, ein Levit, das großgewordene Volk Israel (600000 Männer) aus Ägypten heraus. Und da war es noch sehr unreif! Eine Art Baby.
(Joseph und Mose hingegen sind beide in Ägypten und im Gefängnis bzw der Wüste zu reifen Männern geworden, die sich um die Not anderer kümmern!)
Als nächstes tauchen Hannanias und Saphira auf. Wieder finde ich es spannend, genauer auf die Namen zu schauen. In beiden klingt evtl das irdische Vermögen an!
Kann das ein Hinweis darauf sein, dass es zu echter Barmherzigkeit und Hingabe eine Reife braucht, die ein „vermögendes Leben“, also ein Leben im Wohlstand nicht in uns hervorbringen kann?
H&S scheinen noch nicht wirklich verstanden zu haben, worum es Jesus geht.
Vielleicht brauchten sie noch nie Gnade oder das Mitgefühl anderer?
Mit ihrer inneren Haltung – abgespalten von der äußeren, scheinbaren, „korrekten“ Haltung – zeigen sie, dass das, was die gute Nachricht eigentlich so lebendig macht, noch tot ist in ihnen.
Ihnen fehlt noch eine „Auferstehung“ von den Toten. Sie leben noch im „toten Vermögens-Glauben“. Sie sind noch tot und nicht lebendig.
Haben sie womöglich selber das Urteil über sich gesprochen („ohne soundsoviel Vermögen sterben wir wahrscheinlich, da kann/wird uns auch Gott nicht vor bewahren“ oder so?)?
Und jetzt geht‘s mir selber ans Leder… Denn es geht ja letztlich immer um die Einladung des Splitters, mich zu meinem Balken umzudrehen und ihn mal eingehend zu betrachten ; )
Ist die Geschichte der beiden eine Erklärung für mich, dass ich so lange „gläubig“ war (was hab ich früher gedacht, an was für einen Gott ich glauben MUSS ?!?) und mich trotzdem so tot gefühlt habe (erst seit der Lebensmitte habe ich das Gefühl, lebendiger zu werden ; )?
Was von H&S steckt mir – noch immer, auch nach fast 40 frommen Jahren und zig Bekehrungen… – in den Knochen?
Von ihrer Heuchelei und der darunter liegenden Angst vor dem Zu-kurz-Kommen, vor dem Sterben, vor dem Außen-vor-Bleiben, vor Gottes Verdammnis?!
UND was steckt in mir AUCH an Sehnsucht, so barmherzig und hingebungsvoll sein zu können wie Joseph, der Levit und die anderen?!
Und wieviel inneres Erschrecken und Entsetzen darüber, dass ich – noch immer – so ein gespaltener Mensch bin, so hin und her gerissen zwischen den beiden Reichen?!
Und was für eine große Sehnsucht nach (Über)Leben, nach Echtsein, nach der Lebens-Fülle, die Jesus verheißt?!
Für mich folgt daraus die Erkenntnis, dass ich offensichtlich auch noch ganz schön klein und unreif bin, dass in mir etwas Armes, Bedürtiges steckt, das bekennen muss und kann:
Ich bin noch gar nicht so weit. Punkt.
ICH brauche darum einen barmherzigen Gott, der mich tiefer sieht, um mich weiß und mich genau so liebt.
Und der zu mir sagt:
Hey, gib doch einfach das, was du wirklich geben willst – vielleicht ist das schon viel mehr als du dachtest : ) Kümmer dich nicht um das, was die anderen geben, sondern gib Deins!
Wenn ich doch immer so barmherzig mit mir sein könnte! Ich lerne…
Zuletzt habe ich heute noch eine Entdeckung gemacht:
Das Wort, das hier beide Male – für H‘ & S‘ – für das Sterben verwendet wird, ist nicht eins der üblichen Worte, sondern „ekpsucho“, in der Elberfelder mit „verscheiden“ übersetzt.
Dieses Wort kommt nur an dieser Stelle und beim von dir ja auch erwähnten Tod des Herodes vor! Das hat doch bestimmt eine tiefere Bedeutung!!
Die Männer bringen Hannanias und Saphira nach dr-außen – dahin, wo sie eigentlich (innerlich) noch sind.
Das bedeutet für mich allerdings nicht, dass damit alles für sie für immer und endlos aus ist! Sie müssen vielleicht „nur“ erst einmal ihrer verborgenen/„ewigen“ Heuchelei und Leblosigkeit begegnen, um Jesus wirklich kennen lernen zu können.
Vielleicht bedeutet das Sterben auch eine Art göttliches:
„Hey, wir müssen reden! Irgendwas habt ihr da bisher völlig missverstanden! Lass mich dir helfen, es zu verstehen. Dafür musst du allerdings die (deine!) andere Seite der Medaille für eine Weile kennenlernen“?!
Gerade dass in dem Wort ekpsucho offensichtlich das Weggehen ihrer Seele steckt, könnte ein Hinweis darauf sein.
Es gibt offensichtlich auch in mir noch einen H&S-Teil, der die Botschaft Jesu immer noch nicht wirklich verstanden hat, der noch etwas braucht, der noch eine Runde lernen muss bzw darf!
Ob die Geschichte „in Echt“ passiert ist oder nur eine Art Gleichnis ist?
Ich könnte mir vorstellen, dass die Antwort schlicht JA  lautet : ) Die Atmosphäre in der ersten Gemeinde war womöglich wirklich so echt, so von der Klarheit und Liebe Gottes durchdrungen, so heilig und im Grunde himmlisch, dass so eine zwiespältige Haltung nicht aufrecht stehen bleiben konnte, sondern zerbrechen musste…
Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass die Art zu erzählen damals viel Bild-hafter war als unsere westliche heute.
Und ich weiß heute, dass die Geschichte zutiefst WAHR ist, denn ich finde sie IN MIR wieder!

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