Prüft alles, das Gute behaltet – Gute theologische Filter entwickeln (Teil 2)


Im letzten Blogbeitrag habe ich deutlich gemacht, dass wir für unseren Glauben dringend theologische Filter brauchen. Es ging zunächst darum, dass ungeeignete Filter sind. In diesem Beitrag soll es darum gehen, welche Filter sich eigenen, um einen gesunden Glauben und eine gesunde Theologie  zu entwickeln.

1. Filter: das Leben Jesu.

Entspricht diese Lehre oder Glaubenspraxis der Lehre und Glaubenspraxis Jesu, wie sie uns in den Evangelien geschildert wird?

Für unsere Beurteilung einer Lehre ist das Leben und die Praxis Jesu von zentraler Bedeutung. In Jesus hat Gott sich geoffenbart, sich der Welt vorgestellt. In Jesus hat Gott deutlich gemacht: so bin ich, das ist mein Charakter, das ist meine Wahrheit!
In Christus wohnt die ganze Fülle Gottes leibhaftig, heißt es im Kolosserbrief.
Gott ist nie anders, als er sich in Christus geoffenbart hat!
Das ist der wichtigste theologische Grundsatz, den Christen verstehen müssen. Ich glaube Christus ist wirklich die einzigartige, vollkommene Offenbarung Gottes. Darum ist er die Mitte unseres Glaubens und das Kriterium aller Wahrheit.
Gott ist nie anders als Christus. Jesus ist die Biografie, das Spiegelbild, das Abbild Gottes. Nichts bildet Gott so klar ab wie Jesus in den Evangelien.
Ich glaube auch, dass andere Teile der Bibel, besonders im Alten Testament keinesfalls der Abbildung Gottes durch Jesus gleichwertig sind. Ich glaube dass viele Geschichten im Alten Testament abbilden, wie die Menschen zur damaligen Zeit Gott  verstanden haben. Aber alle Vorstellungen Gottes durch die Jahrtausende hinweg gipfeln in Jesus Christus und werden letztlich durch seine Offenbarung ins rechte Licht gestellt.
Viele Menschen und auch Christen haben große Mühe mit einigen Texten im Alten Testament, wenn Gott befiehlt, die Kanaaniter mit Stumpf und Stiel auszurotten, Männer, Frauen, Kinder, Greise und sogar deren Tiere. Aber für mich ist das eine Geschichte, eine inspirierte Geschichte, die uns etwas zeigt vom Verständnis der damaligen Menschen, die ganz Teil ihrer Welt waren. Sie wussten nicht anders von Gott zu reden als wie man eben vor 3000 Jahren von einem Gott geredet hat. Aber diese Geschichten sind keine Offenbarung des Wesens Gottes. Es sind Geschichten die etwas vom Gottesverständnis der damaligen Menschen offenbaren.
Gott offenbart sich in Jesus Christus. Und darum ist es so wichtig, dass wir dieses Leben Jesu kennen. Wir müssen zuhause sein in den Evangelien. Und darum wollte Gott auch, dass es vier verschiedene Evangelien gibt, um vier verschiedene Blickwinkel auf dieses Leben von Jesus werfen zu können und damit ein möglichst umfassendes Bild von Jesus zu bekommen. Es gibt keine 4 Apostelgeschichten, aber 4 Evangelien! Es geht wirklich um das große Bild, das von Jesus gezeichnet wird.
Wir filtern eine Lehre nicht anhand irgendeines Verses, den wir glücklicherweise in den Evangelium finden und damit eine bestimmte Lehre rechtfertigen können.
Es geht um die klaren, deutlichen Züge, die das Leben und Tun Jesu hatten.
Ein paar Beispiele:
Jesu zentrales Thema ist die Liebe.  An der Liebe, dem Wachsen von Liebe, der Verbreitung der Liebe, muss sich alles messen lassen.
Ein anderer großer Zug ist das Thema Frieden.
In der Versuchung zur Macht, Gewalt, Herrschaft hat sich Jesus immer als Friedensstifter gezeigt und der Versuchung zur schnellen Lösung durch Gewalt widerstanden.
Ein anderer großer Zug ist Jesu Stellung zu den Armen und Schwachen
Er hat sich immer auf die Seite der Bedürftigen, der Schwachen, der Zerbrochenen, der Gebeugten gestellt und war skeptisch gegenüber den Starken, den Überlegenen, den Stolzen
Wenn wir also eine Lehre prüfen wollen, dann muss sie durch den Filter des Lebens Jesu hindurchlaufen. Fördert diese Lehre ein Leben und ein Christsein, dass diese großen Züge des Lebens Jesu wiederspiegelt? Fördert diese Lehre ein Leben und einen Glauben, der diesem Bild Jesu ähnlicher wird?

2. Filter: die Reich-Gottes-Spannung

Einige Theologen haben vor ein paar Jahrzehnten ein ganz wichtiges theologisches Prinzip formuliert: es gibt ein spannungsvolles und geheimnisvolles miteinander vom „schon jetzt“ und „noch nicht“ des Reiches Gottes. Wir erleben in der Bibel, in der Kirchengeschichte und in unserem eigenen Leben dieses „schon jetzt“ und „noch nicht“ der Herrschaft Gottes. Wie erleben Gebetserhörungen, wo Gottes Herrschaft sichtbar kommt, Krankheiten geheilt werden, Depressionen verschwinden, Friede hergestellt wird, Lebensumstände verändert werden und der Himmel auf die Erde kommt. Wir erleben aber auch ausbleibende Gebetserhörungen, das Verbleiben vom Bösen, dass nicht geheilt werden, der Zustand von Streit und Uneinigkeit, die gleich bleibenden schwierigen Lebensumstände und einen verschlossenen Himmel.
Irdischem Leben mutet Gott dieses geheimnisvolle Miteinander bis zu seiner Wiederkunft zu.
Und mit uns sehnt sich die ganze Schöpfung nach der endgültigen Vollendung.
Paulus schreibt:
Rö.8,21 Auch sie, die Schöpfung, wird von der Last der Vergänglichkeit befreit werden und an der Freiheit teilhaben, die den Kindern Gottes mit der künftigen Herrlichkeit geschenkt wird. 22 Wir wissen allerdings, dass die gesamte Schöpfung jetzt noch unter ihrem Zustand seufzt, als würde sie in Geburtswehen liegen. 23 Und sogar wir, denen Gott doch bereits seinen Geist gegeben hat, den ersten Teil des künftigen Erbes, sogar wir seufzen innerlich noch, weil die volle Verwirklichung dessen noch aussteht, wozu wir als Gottes Söhne und Töchter bestimmt sind: Wir warten darauf, dass auch unser Körper erlöst wird.
Dieses schon jetzt und noch nicht, dieses Jubeln und Seufzen, ist das Erdreich unseres geistlichen Lebens. In dieses Miteinander sind wir eingepflanzt und in diesem Mischboden sollen und können wir gedeihen und wachsen.
Eine Lehre ist dann ungesund und sollte ausgefiltert werden, wenn sie dieses spannungsvolle Miteinander auflösen möchte. Entweder weil sie das „schon jetzt“ überbetont und behauptet, alle müssen immer geheilt werden, alle können Wohlstand erleben, jedes Problem kann mit genug Vollmacht bewältigt werden.
Es ist die Überbetonung der Machbarkeit, der Verfügbarkeit von Gottes Kraft und Geist  im Grunde genommen geistlicher Stolz und Überheblichkeit.
Oder es ist auf der anderen Seite die Überbetonung des „noch nicht“, die behauptet Gottes Kraft steht uns nicht mehr zur Verfügung, jeder muss sich in sein Schicksal fügen, man darf nichts mehr Großes erwarten, für Kranke zu beten sei unbiblisch und Geistesgaben gibt es nicht mehr. Es ist die Überbetonung der Ohnmacht, der Hilflosigkeit und der Unverfügbarkeit  von Gottes Kraft.
Und weil Menschen einfache Systeme und simple Lösungen mögen, tendieren viele Lehren und Glaubenspraxen zu einer der beiden Seiten dieses geheimnisvollen und spannungsvollen Miteinanders.
Hier müssen wir vorsichtig und behutsam sein. Hier lauert die ungesunde Lehre.

3. Filter: Ehrlichkeit

Die Lehre muss Ehrlichkeit und Echtheit fördern und darf diese nicht erschweren.

Ehrlichkeit ist ein enorm hohes Gut des christlichen Glaubens. Der christliche Glaube muss Ehrlichkeit und Echtheit fördern und darf Menschen nicht zur Heuchelei oder Unehrlichkeit verführen. Aber genau das ist christlichem Glauben immer wieder passiert. Es wurden Lehren und Glaubenssätze aufgestellt, die für Menschen irgendwie uneinhaltbar waren und zu einer Doppelmoral führten. Man hat nach außen hin etwas vorgegeben, was man in Wirklichkeit nicht glauben oder leben konnte. Die Lehre war zu anspruchsvoll, zu perfektionistische, zu weltfremd, zu abgehoben, zu mystisch, zu elitär, zu radikal… Der Normalo ist da nicht mitgekommen. Der gewöhnliche Christ erreicht diese Sphären des Glaubens nicht. Und damit haben diese besonderen Lehren das Potenzial, Menschen zur Unehrlichkeit und Heuchelei zu verführen. Dieses Phänomen finden wir ganz besonders bei Sekten, wo der starke Gruppendruck dazu führt, dass Menschen sich einer Lehre anpassen oder zustimmen, die sie vielleicht überhaupt nicht sinnvoll finden, nachvollziehen oder leben können.
Schafft diese Lehre, mit der wir da also konfrontiert sind eine Zweiklassengesellschaft? Die Könner, die Versteher, die Erleuchteten und die offensichtlich Ungeistlichen, Unfähigen, Kleingläubigen? Ist eine Lehre so elitär, dass ein ganzer Teil der Christen heucheln müsste, um vorzugeben, diese Lehre verstehen, glauben oder leben zu können? Besonders bestimmte charismatische Lehren haben so etwas abgehobenes und elitäres an sich,  dass diese Art zu glauben oder zu leben für die meisten Christen unerreichbar bleibt. Und in so manchem Fall stellt sich am Ende heraus, dass selbst der Verkündiger dieser Lehre nicht wirklich in der Lage war, diese zu leben, sondern ein Heuchler war.

4. Filter: Früchte

Das Qualitätsmerkmal einer Lehre oder eine Erfahrung sind die Früchte des Geistes, nicht die Gaben, das Übernatürliche oder Wunder.

Jesus sagte in der Bergpredigt folgendes: Mt.7, 15 „Nehmt euch in Acht vor denen, die in Gottes Namen auftreten und falsche Lehren verbreiten! Sie tarnen sich als sanfte Schafe, aber in Wirklichkeit sind sie reißende Wölfe. 16 Wie man einen Baum an seiner Frucht erkennt, so erkennt man sie an dem, was sie tun. Weintrauben kann man nicht von Dornbüschen und Feigen nicht von Disteln ernten. 17 Ein guter Baum bringt gute Früchte und ein kranker Baum schlechte.
Wir bewerten eine Lehre nicht an dem Aufsehen dass sie erregt, an den Phänomenen, die sie bewirkt, sondern an der Frucht die sie erzeugt. Wunder, übernatürliche Geschehnisse, Heilungen sind für uns nicht das wesentliche Kriterium, ob eine Lehre gesund ist oder nicht. Die Frage ist vielmehr, welche Frucht, welche charakterliche Veränderung eine Lehre bei den Menschen auslöst. Wird da etwas dem großen Bild Jesu ähnlicher oder verstärken sich Eigenschaften, die in den Evangelien kritisch gesehen werden (wenn auch in unserer Gesellschaft positiv bewertet)?
Der große Heilungsevangelist oder Prophet wird nicht durch die Wunder legitimiert, die geschehen, sondern allein durch die Frucht der charakterlichen Veränderung, die eine Lehre langfristig bewirkt. Hierzu sagte Jesus: Mt.7,22 Am Tag des Gerichts werden viele zu mir sagen: ›Herr, Herr! In deinem Namen haben wir prophetische Weisungen verkündet, in deinem Namen haben wir böse Geister ausgetrieben und viele Wunder getan.‹ 23 Und trotzdem werde ich das Urteil sprechen: ›Ich habe euch nie gekannt. Ihr habt versäumt, nach Gottes Willen zu leben; geht mir aus den Augen!‹«
Frucht ist nicht Erfolg, Mitgliederzahlen oder Einschaltquoten, sondern nachhaltige Veränderung und Gesundung eines Menschen.

5.Filter: Bescheidenheit

Die gesunde Lehre ist bescheiden, demütig und fragend, ohne Absolutheitsanspruch.

Eine gesunde Lehre könnt ihr daran prüfen, dass sie bescheiden ist. Eine gesunde Lehre bleibt fragend, bleibt demütig. Wo immer eine Lehre mit einem Absolutheitsanspruch verbunden ist, wird es problematisch. Andere Meinungen haben dort keinen Platz mehr. Die eigene Erkenntnis wird überbetont. Andere werden eingeschüchtert.
Paulus sagt in 1.Kor.13, 9 Denn unsere Erkenntnis ist bruchstückhaft, ebenso wie unser prophetisches Reden.
Wer das ernst nimmt, bleibt bescheiden, bleibt demütig, bleibt fragend.
Eine Lehre, die die letzte Antwort hat, die sich so ganz sicher ist, die Allgemeingültigkeit beansprucht, ist sehr gefährdet. Ich erlebe immer wieder gerade aus dem amerikanischen Raum theologische Konzepte und Lehren, die mit einer gewissen imperialistischen Haltung daherkommen. Die alle anderen Lehren überrennen. Die bisher geglaubtes zur Seite drängen und aus dem Weg schaffen. Die sich ihrer Gültigkeit und Wahrheit ganz besonders sicher sind. Für viele hat das etwas anziehendes, weil es klar und eindeutig oder verlässlich erscheint. Ich kann euch nur davor warnen. Gesunde Lehre ist bescheiden und weiß, dass es auch immer noch anders sein kann. Menschliches Erkennen und Lehren ist immer bruchstückhaft.
Wenn wir also mit christlicher Lehre konfrontiert sind, wenn wir eine Predigt hören, auf einem Kurs, Seminar oder Konferenz sind, ein christliches Buch lesen, einen christlichen  Podcast abonniert haben, über Facebook auf verschiedene geistliche Meinungen oder Behauptungen treffen, dann können wir das Mithilfe unserer Filter prüfen:
Entsprechen diese Gedanken und Lehren dem großen Bild, das von Jesus in den Evangelien gezeichnet wird?
Ist diese Lehre  einseitig, indem sie das schon jetzt und das noch nicht des Reiches Gottes überbetont?
Fördern diese Gedanken und Lehre die Ehrlichkeit? Wenn ich ganz ehrlich bin, ist dieses Glaubenskonzept lebbar oder muss ich mich dafür verbiegen und heucheln?
Haben diejenigen, die diese Lehre verbreiten echte Früchte aufzuweisen oder nur Erfolge?
Und sind diese Gedanken und Lehren verbunden mit genügend Bescheidenheit, mit dem Wissen, dass es auch ganz anders sein kann, und dass die eigene Meinung nur Stückwerk ist.

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